Von 20.bis 22. September 2012 fand am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft die internationale Veranstaltung „Camping on the Margins“ mit Workshops, Public Lectures und Screenings statt. Themenschwerpunkt war die Frage nach lokalen Appropriationen und aktualisierten Formen von Camp-Ästhetik, insbesondere nach Erscheinungen außerhalb des anglophonen Raumes. Während der Konzeptionsphase entstand die Idee, dem Diskurs zu öffentlichen Camp-Manifestationen im Spannungsfeld von „margin“ und “ center“ die site-spezifische Installation „Camp Salon“ als ergänzendes Forschungstool zur Seite zu stellen. Unter der Devise „trash-historicism invading the empirial palace“ sollte hier passend zum Thema auf die örtlichen kulturellen und architektonischen Gegebenheiten des Instituts in der Hofburg, inmitten des repräsentativen, touristischen und historischen Zentrums Wiens experimentell Bezug genommen werden.

 

Die Wiederaneignung des Interaktionsformates „Salon“ wurde dabei als ideeller, diskursiver Begegnungsort von den PerformerInnen, Vortragenden, Studierenden und Besucherinnen gewählt, wo die in Vorträgen besprochene Thematik auf „andere Weise“ und mit Bezügen zur Praxis verhandelt werden sollte.

  

Camp Salon / Roseum, Batthyanystiege

 

Die Räume der Theater-Film-und Medienwissenschaft wurden in loser Reminiszenz an das im selben Gebäude befindliche Sisi-Museum pseudo-musealisch zu einem „Camp-Archiv“ umgestaltet. Für die Auswahl des Schaumaterials in den Gängen, wurde nach bereits bestehenden ortsbezogenen subkulturellen Aneignungen gesucht, so zum Beispiel dem MonarchInnendrag im 80er Hausbesetzer-Film „Wiener Brut“, Walter Bockmayers Trashmusical „Sisi-Beuteljahre einer Kaiserin“ oder den legendären „Wien ist andersrum“- Plakaten

Die nicht ganz klar gekennzeichnete Abgrenzung zwischen dem Institut und den in spiegelverkehrter Lage befindlichen Kaiserappartements machte man sich für die Veranstaltung zu Nutze, um verirrte MuseumsbesucherInnen in den Camp Salon „umzuleiten“.

Im Jura Soyfer-Saal wurden die „Ikonen“- Wände um Persönlichkeiten wie Zeki Müren, Divine, Gloria Swanson, Charles Ludlam oder Vampira bereichert. Die Bilder sehr diverser Figuren, die hier teils dem Kanon der wissenschaftlichen Camp-Literatur folgend, wie auch nach den individuellen Vorstellungen der Teammitglieder ausgewählt wurden, visualisierten gleichzeitig die große Spannweite der Begriffsauffassungen.                    

Zu den theatralen „tea times“ im Soyfer-Saal wurde das institutseigene Klaviervon Salon Hostess Roswitha Templem aus seiner rein dekorativen Funktion befreit. Daneben warteten mehrere Screens mit einer umfangreichen collagenhaften Zusammenstellung von Filmmaterial aus unterschiedlichsten Sparten wie Performance Art, Musikvideos oder Fashion Shows auf. Zum Beispiel wurden die Drag-Praktiken New Yorker Performance Avantgarden der Sechziger Jahre neben Pastiche-Ästhetiken des aktuellen Musikfernsehens gesetzt, Technicolor-Massenornamente parallel zum Exotismus Jack Smiths, Leigh Bowery neben britische neo-dandyistischen Phänomene gestellt. Die Inszenierung erlaubte es, spezifische materielle und visuelle Texturen verstärkt in den Blick zunehmen, deren Differenzierung sich im wissenschaftlichen Camp-Diskurs leichter verliert, woraus sich neue Benennungen und andere Fragestellungen ergeben.          

Das Motiv des Sammelns und Archivierens in Camp-Praxen – als erneuernde Perspektive auf kulturelle Produkte, als nicht ökonomisch versierter Aneignungsmodus von „cultural waste“, „trash“, popkultureller Artikel, sowie als Neuverhandlung von Subjekt-Objekt-Relationen, – zeichnete sich durch die Screenings und Vorträge ab. Es war daher intendiert, die Gestaltung des Saloninventars als Camp-Echo der das Institut umgebenden musealen Inszenierungstechniken, des theatralen Charakters der historistischen Objekte im gegenüberliegenden Hofmobiliendepot und der Kitsch-Nostalgie der Auslagen umliegender „Souvenir“-Geschäfte zu gestalten.

Am Michaeler Platz

Die Frage nach der Präsenz/Wirkung von campy Kostümierungen im öffentlichen, urbanen Erscheinungsbild abseits der Normalisierung in Festival-, und spektakulären Medien-Kontexten tauchte bereits in der ersten Vortragsdiskussion auf und war auch wesentlicher Ausgangspunkt der Camp Salon-Konzeption. Der barocke sternförmige Michaelerplatz eignete sich durch seine Architektur, sowie die Vielzahl an kostümierten Personen, die  täglich vor dem Institut TouristInnen für Konzertevents anwerben oder Promo-Flyer für „Adventure Parks of Viennas History“ verteilen, für eine Erweiterung der Salon-Peformance in den öffentlichen Raum. Die Kulmination unterschiedlicher Kostümierungen und Geschichtsverkörperungen am Michaeler-Rondell, Treffpunkt zahlreicher Stadtführungen, stellte ein brisantes Setting für das Projekt dar. Das teils aggressive, ökonomisch orientierte Buhlen um touristische Aufmerksamkeit (oft zu sehr prekarisierten Arbeitsbedingungen), bei gleichzeitig strengem Bettelverbot im 1. Bezirk, lässt die Fragen nach Repräsentation und Bannung im Öffentlichkeitsbild nochmals virulenter erscheinen.                                     

Im Laufe der drei Tage voguete man hier zwischen Fiakern und vorbeiziehenden Trachtengruppen. Über den archeologischen Ausgrabungen neben der Nobeleinkaufstraße Kohlmarkt, fand am 22.9 parallell zum am gegenüberliegenden Heldenplatz zelebrierten „Tag des Sports“ unsere alternative John Waters Gymnastik statt – Unter der Supervision von Roswitha mit „Sisi is dead, but still fit“- Choreographie. In der Michaelerkuppel kam es zu Zufallsinteraktionen zwischen Drag-Performances und Mantra-Singkreisen lokaler Meditations-Gruppen. Das frivol-rustikale Kollektiv „Zärtliche Cousinen“ – eingeladen von der TFM- „Ku.K Kantine“ -, schleuderte vom herrschaftlichen Hofburgbalkon Verbalattacken auf die vorbeiziehende PassantInnen hinab und das urban researchers Team von Onorthodox / Tackling Urban Issues griff das Thema von „margin“ und „center“ durch Distribution verwirrender TouristInnen-Führer zu Wiens Sozialgeographie und Habsburg’scher Transsexualiät auf seine Weise auf.

In den von der Selfsightseeing Company (Roswitha Templem, Bastian Petz) kuratierten Guest Acts wurde parallel zum Salon-Geschehen ein freierer Umgang mit der Hofburg/Camp-Thematik angeboten, was ein verstärktes Austesten und Erproben der Grenzen zum Karnevalesken, zu Queer-Aktivismus, Glitter, Klamauk und zwischen Referenz und Zitat möglich machte.

 

Salon als öffentlicher Begegnungsort

Der Salon wurde neben seiner historischen Konnotation als theatral ritualisierter Ort des müßigen Austausches, der pointierten Selbstdarstellung und der Erprobung von Konversationsformen, wegen seiner Bedeutung als Gesellschafs-/Empfangszimmer als Projektformat gewählt. Tatsächlich hat während der Veranstaltungszeit im TFM-Institut innerhalb der Hofburg eine besonders offene Fluktuation und ungewohnte Begegnung stattgefunden. So besuchten beispielsweise Mitglieder der österreichischen Radical Faeries-Community den Salon und verblieben in den Vorträgen, während Instituts-MitarbeiterInnen vom Salon zu den camp-affinen Faeries in die Arena Variete Bar weiterzogen. Sprechstundenzimmer des Instituts wurden zu Travestiestuben umfunktioniert, wo Overheadprojektoren als Schminkbeleuchtung eingesetzt, und Tesaband-Bärte über Akten und Seminararbeiten montiert wurden. Abends wurde der Hörsaal mit dem Glitter/Sci Fi/Pastiche- Pop von Tusk zur Synthwave-Disco und tagsüber präsentierte die Zweifraugruppe „Zukunftsseelen“ im Soyfer-Saal eine musikalische Interpretation zu Sisi’s stilistisch umstrittenem „poetischen Tagebuch“. 

Für die Zusendung von Austellungsmaterialien sei im Namen aller KuratorInnen Walter Bockmayer, Bruce La Bruce, Burlesque Brutal, Homoriental, Miki Malör und QWIEN herzlich gedankt.

Text © Julia Pennauer

Förderung: MA7, Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtlich und transgender Lebensweisen, ÖH, Bagru Thewi, Buchhandlung Löwenherz, Ströck Brot, Syn Magazin

Kooperationen: TFM- Institut, Universität Wien, aisthesis, Plattform für kritische Medien- und Kulturtheorie

Links: 

Programm & Fotos

http://passagen.univie.ac.at/camping-on-the-margins

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