revision_reanimation_reaktion

„The line between art and life should be kept as fluid, and perhaps indistinct as possible“1 „Happening, eine durchaus bürgerliche Kunst, eben Kunst. Wir wollen diese blödsinnige Kunst überwinden.“2

1961, im Jahr des Amtsantritts von John F. Kennedy und dem Bau der Berliner Mauer arbeitet Allan Kaprow an seinen Anweisungen für das Environment Stockroom und Otto Muehl mit den Auswirkungen seines „ Aktionistischen Urknalls“3. Beide waren umrahmt von einem Kontext, welcher sie auf ihren Lebenslinien begleitete. „Kunst“ und „Leben“ als omnipräsente Begriffe und reale Einflussfaktoren bieten ein weites ideologisches und performatives Areal, in welchem sich Allan Kaprow und Otto Muehl während ihren künstlerischen und nicht künstlerischen Aktivitäten4 und Aktionen5 aufgehalten haben.

2012 im Jahrestanz zwischen „arabischem Frühling“ und „Eurokrise“ traf sich in der ehemaligen von Otto Muehl gegründeten Kommune Friedrichshof ein künstlerisches Kollektiv, mit dem Namen „die Kaprowist_innen“ um sich mit der Reinvention von Allan Kaprovs Stockroom zu befassen. Während der mehrtägigen Auseinandersetzung bis zur Ausstellungseröffnung und der umfassenden Nachbearbeitung entstand eine vielschichtige kunstbasierte Forschungsreise, welche hier als dreistufiger Prozess (Revision, Reanimation, Reaktion) textualisiert und von Abbildungen flankiert wird, welche diesen Prozess als collagiertes Konglomerat visualisieren.

Der künstlerische Forschungsprozess, welcher hier Anwendung gefunden hat ist ein zyklischer. In der künstlerischen Auseinandersetzung wurde Stockroom reanimiert, aus der Reanimation wurden Erfahrungen gesammelt welche in die Reaktionen mündeten. Diese wiederum beeinflussten die reflexive Theoriebildung, welche Skizzen, Texte, Videos und Bildmaterial hervorbrachten. 

Revision

„ Aus meiner Sicht liegt die Besonderheit von Kunst und künstlerischer Forschung in ihrem kollaborativen Potential, das durch die Aktivierung eines wenig bekannten Raumes zwischen intellektueller und kreativer Praxis geschaffen wird“ (Claire MacDonald)6

Diesen wenig bekannten Raum, welcher durch den aktuellen Diskurs über Sinn, Zweck und Reglement der kunstbasierten Forschung belagert wird, betrat die Künstlergruppe mit dem Gewand zweier scheinbar dualistischer Rollen: die der „Impromtu- Kunsthistoriker_innen“ und die der „reinventionistischen Künstler_innen“.
Mit einer sondierend reflexiven Grundhaltung wurde sowohl die Textgrundlage Kaprows als auch die Geschichte des Friedrichshofs und seines Gründers Otto Muehl einer Revision unterzogen.

Der Kontext von aktuellen Zeitkoordinaten und die Verortung am Friedrichshof erlebten wir als Faktoren, welche die „Wieder-Behandlung“ und Lesart der historischen Anweisungen Kaprows polimorph beeinflussten.
Die Anweisungen von Kaprow erschienen uns lediglich als Anregungen, welche an neuen Orten anders umgesetzt werden sollten. Ort, Raum und Zeit waren für Kaprow Variablen die auf das vibrierende Feld zwischen Kunst und Leben ständige Wirkung hatten und das

 

„Nicht-Kunstwerk“ Stockroom in der Historie seiner Reinventionen zu einem vorsokratischen Weisheitsspruch erheben:
„Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“
7

Im Kontrast zu Kaprow stehen die Anweisungen von Otto Muehl für das Verhalten seiner Kommunaden, deren Auswirkungen für manche ehemalige „Otto-Normalbürger“ des Friedrichhofes zu einer lebenslangen Herausforderung geworden sind.

Die Rückschau wurde begleitet von Auseinandersetzungen mit dem persönlichen Reaktionsfeld auf die genannten Faktoren, da der eigene Erfahrungsraum mit seiner emotionalen Komponente einen permanenten Begleiter im Prozess künstlerischer Forschung darstellt. Im Unterschied zu institutionalisierter Wissensaneignung welche auf scheinbar objektiv formatierbaren Methoden basiert ist die kunstbasierte Forschung ein Forschungszugang welcher Emotionalität und Intuition als prozessbegleitendes Phänomen integriert.

Es geht hierbei nicht um einen klassischen logischen Diskurs sondern um Ebenen welche im künstlerischen Prozess teilweise nicht benannt werden können. Die Künste bedienen sich Sprachen welche jenseits des verbalen liegen und genau deshalb eine gleichwertige Position im aktuellen Wissenschaftsfeld haben sollten ohne von diesem verschluckt zu werden.

Zu beobachten war, dass die kollektiven Gedankengänge einen Mehrwert produzierten und damit sowohl den künstlerischen Prozess bestärkten als auch komplexe Wissensformen generierten. Praktizierende stellen andere Fragen, oder Anderes in Frage und im kollektiven Reibungsprozess der Gruppe werden andere Erkenntnisgewinne erzeugt.

Wir entschieden uns im Prozess der Revision für zwei unterschiedliche Installationen welche sich diametral kontrastieren. Die eine versuchte als Reanimation von „Stockroom Friedrichshof“, eine genaue Befolgung der Anweisungen von Kaprow und die andere: Friedrichsbox“ als Reaktion eine Auseinandersetzung mit den beschriebenen Einflussfaktoren. 

 

Reanimation

Stockroom wird in einem tagelangen Aufbauprozess reanimiert, das als vergänglich und unwiederholbar konstruierte Environment soll für die Betrachter_innen als historischer Erfahrungsraum „wiederbelebt“ werden. Als reanimiertes und dennoch „zomboides“ Gebilde, steht es zwar im Wiederspruch zu der ablehnenden Haltung Kaprows dem Musealen gegenüber, wird aber bei der Eröffnung und in den Monaten der Ausstellung als experimentaler Handlungsort von Besucher_innen angenommen.

Während unserer Reanimation wurde durch die Kunstpraxis ein Wissensraum eröffnet welcher es uns ermöglichte, Stockroom und die dahinterliegende Kunstphilosophie Kaporows neu zu denken. 

Reaktion_en

„There is an actual, living relationship between the spaces of the body and the spaces the body moves through; human living tissue does not abruptly stop at the skin, exercises with space are built on the assumption that human beings and space are both alive.“ 8

Im Unterschied zur gut rezipierbaren „Begräbnisstätte“ Stockroom Friedrichshof wurde die „Friedrichsbox“ als komplexes, reflektierendes Labor erbaut, welches die Überreste historischer aktionsanalytischer Handlungen der Selbstdarstellung mit ortsbezogenen aktuellen Aktivitäten in Verbindung bringen sollte. Die Friedrichsbox kann als visueller Schmelztiegel, als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit Allan Kaprow und Otto Muehl verstanden werden.

Als Materialgrundlage wurden Gegenstände aus der unmittelbaren Umgebung und aktueller Abfall verwendet. Auf der Friedrichsbox sind sowohl Innen als auch Außen reflexionistische Zitate vermerkt welche vom Kollektiv der Kaprovist_Innen eingesammelt wurden. Sie verbildlichen die Auseinandersetzungen mit dem historischen Ort Friedrichshof und den ebenfalls historischen Anweisungen von Kaprow. Die Friedrichsbox zitiert dabei die ab 1962 entstandenen Gerümpelskulpturen von Otto Muehl.

So ist der überdimensionierte Karton ein alchemistisches Konglomerat aus dem Ursprung der Aktionskunst und den Exkrementen des „Paradies Experiment“9 Friedrichshof welches ein Endlager im Archiv gefunden haben könnte und gleichsam als innere Kartonage mit der Aufschrift: “arrange yourself as free as possible“ in einigen weiterlebt.

Die Friedrichsbox, welche sich ebenfalls als geöffneter Archivraum assoziieren lässt, ist der Verwitterung ausgesetzt. Die Pappmauern lösen sich im Zeitprozess der Ausstellungsdauer auf und wandeln sich zu einem unsortierten Restmüllhaufen. Die Aufschrift: „Change like a Season“ scheint fragmentarisch als mahnendes Kaprow-Zitat hervor.

Christopf Schlingensief spricht in seiner Einführung von „Kaprow City“ über „Erinnerung als eine Mehrfachbelichtung von Momentaufnahmen“10. Er benennt damit einen aktuellen Prozess, welcher sich durch die Öffnung der „eingeboxten“ Erinnerungen des Kommune- Archivs ereignen könnte und es stellt sich die Frage, wie diese in den Kontakt zu den immanenten Überlagerungen des Lebens treten werden.

Als psychodramatische Installation mag die Friedrichsbox ein Hinweis sein, an die Kommunaden und nicht Komunad_innen welche im ständigen Lebensprozess des Erinnerns und Vergessens stehen.

Zur Ausstellungseröffnung wurde kollektiv eine Site-spezifische Aktion entwickelt. Aus Malerkrepp geklebte Bärte verweisen auf einen Entindividualisierungsprozess der Kommunarden, welche durch Glatze und Latzhose ihre Hörigkeit markierten. Die so vermummten Kaprowist_innen verteilten abgeänderte „kaprowistisch-muehlsche“ Verhaltensanweisungen an die Besucher_innen, welche im Kontext Anweisungen an sich ad absurdum führen sollten. Sie möchten nachfragen, wo sich die persönlichen Grenzen der Individuen befinden, welche sich in mit Freiheit getarnten „Diktaturen“ bewegten und bewegen.

 

1 Allan Kaprow, «untitled guidelines for happenings» (1965), in Assemblage, Environments and Happenings, New York, 1966. Reprinted in abridged form in Theories and Documents of Contemporary Art, Kristine Stiles/Peter Selz (eds.), Berkeley et al., 1996, p. 709.

2 Otto Muehl

3 1961
Muehl löst sich in der Malerei von der Figuration und beginnt, die Leinwand aufzuschlitzen und Objekte einzuarbeiten, die sog. Zerstörung des Tafelbildes, was er als seinen aktionistischen Urknall bezeichnet. er beginnt, an Gerümpelskulpturen zu arbeiten.

4 Aktivität ist ein Begriff, welcher von Kaprow verwendet wurde als eine Weiterentwicklung seiner Happenings und Environments

5 „Aktion“ wurde von Otto Muehl als Begriff eingeführt um sich von der „Fluxus“ und „Happening“ Bewegung abzugrenzen

6 Claire Mcdonald in Kunst und künstlerische Forschung, Züricher Jahrbuch der Künste, 2010 7 Heraklit, Fragment 12 DK, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132
8 Richard Schechner: Environmental Theater 1971
9 Theo Altenberg, Das Paradies Experiment, Triton, Wien 2001

10 Christoph Schlingensief, Kaprow City, 2007, Dokumentarfilm, http://www.youtube.com/watch?v=rcs7VcT3X98, abgerufen am 15. März 2013 

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